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Wenn man plötzlich nicht mehr weiß, wer man ist

Die meisten Menschen standen schonmal in der Mitte eines Raumes und haben sich gefragt, was sie eigentlich dort tun wollten. Solche gelegentlichen Aussetzer unseres Gedächtnisses sind uns vertraut und stellen keinen Grund zur Sorge dar. Anders sieht das bei erworbenen Gedächtnisstörungen aus, die nicht nur das Kurzzeit- sondern auch das Langzeitgedächtnis betreffen können, nicht nur die letzten 2 Minuten, sondern unter Umständen unser komplettes bisheriges Leben. Wenn eine oder mehrere der Gedächtnisfunktionen Enkodierung (= Einprägen), Speicherung (= Behalten) und Abrufen (= Erinnern) beeinträchtigt sind, spricht man von einer Amnesie.

Es werden verschiedene Formen der Amnesie unterschieden, die jeweils mit charakteristischen Gedächtnisdefiziten einhergehen. Das liegt daran, dass unser Gedächtnis kein einheitliches Konstrukt ist, sondern aus verschiedenen Komponenten besteht, die unabhängig voneinander geschädigt sein können. Mehr zu den verschiedenen Gedächtnismodellen gibt es hier.

Generell treten Amnesien im Rahmen von Schädigungen oder Erkrankungen des Gehirns auf. Diese können u.a. durch Unfälle mit Kopfverletzungen, Alkohol- und Drogenmissbrauch, Vergiftungen sowie traumatische Erlebnisse, epileptische Anfälle, Schlaganfälle und Demenzerkrankungen verursacht werden. Meistens ist das episodische Gedächtnis betroffen, in dem persönliche Erinnerungen und biografische Informationen gespeichert sind. Das prozedurale Gedächtnis, das das Allgemeinwissen über die Welt und über das Ausüben bestimmter Tätigkeiten wie Gehen, Lesen oder Autofahren enthält, ist meistens unbeschädigt, sodass bereits gelernte Handlungen weiterhin ausgeführt werden können.

Retrograde Amnesie

Bei der retrograden Amnesie sind Gedächtnisinhalte betroffen, die vor dem Ereignis liegen, das die Amnesie ausgelöst hat. Wie weit in die Vergangenheit die Gedächtnisstörung reicht, ist ganz unterschiedlich. Die meisten Betroffenen können sich lediglich nicht mehr an die letzten 24 Stunden vor dem Ereignis erinnern. Manchmal sind aber auch Wochen oder Monate vor dem Ereignis nicht mehr erinnerbar. In seltenen Fällen ist sogar die gesamte eigene Biografie „gelöscht“, wie im Fall dieses Studenten aus Marburg.

Betroffene wissen weder wer sie sind noch wer die Personen sind, die sich ihnen als Verwandte oder Freunde vorstellen. Auch die Dauer der retrograden Amnesie ist sehr variabel. In den meisten Fällen kehrt die Erinnerung nach einigen Tagen oder seltener auch nach einigen Wochen fast vollständig zurück. Lediglich die letzten Stunden vor dem Ereignis können dauerhaft unzugänglich bleiben – dann spricht man von einer kongraden Amnesie. Retrograde Amnesien treten häufig nach Kopfverletzungen im Rahmen von Schädel-Hirn-Traumata auf, aber auch nach Hirnhautentzündungen oder Schlaganfällen.

Anterograde Amnesie

Bei der anterograden Amnesie sind die Erinnerungen an die Vergangenheit vollständig intakt. Stattdessen ist es den Betroffenen nicht möglich, neue Erinnerungen zu bilden. Neue Informationen können meist nur für wenige Minuten behalten werden, was die Alltagsbewältigung massiv beeinträchtigen kann. Ein solches Defizit beim Erlernen neuer Informationen ist charakteristisch für organisch bedingte Hirnschädigungen. Die häufigste Ursache sind neurodegenerative Erkrankungen wie die Alzheimer-Krankheit und andere Demenzformen.

(Transiente) globale Amnesie

In besonders schweren Fällen treten die anterograde und retrograde Amnesie gemeinsam auf, dann spricht man von einer globalen Amnesie. Hierbei können Erinnerungen an die Zeit vor dem Ereignis nicht mehr abgerufen werden als auch keine neuen Dinge mehr erlernt werden. Wenn eine globale Amnesie akut einsetzt und nach spätestens 24 Stunden wieder abrupt verschwindet, spricht man von einer transienten globalen Amnesie.

Therapie

Je nach Ursache der Amnesie stehen unterschiedliche Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung. Bei organisch bedingten Amnesien – wie etwa nach neurodegenerativen Erkrankungen, Schädel-Hirn-Traumata und Gehirnerschütterungen – müssen die zugrundeliegenden Störungen medizinisch behandelt werden. Bei psychogen verursachten Amnesien, also durch traumatische Erlebnisse, ist die Psychotherapie die Methode der Wahl. Generell werden aktivierende Tätigkeiten wie Hirnleistungstraining, Bewegung und Gespräche mit anderen Personen empfohlen. Auch das Durchgehen von alten Fotos und Erinnerungsstücken kann das Gedächtnis anregen. Ein sicheres medizinisches Heilmittel gegen fortbestehende Amnesien gibt es allerdings bisher nicht.

Literaturhinweise:

Fast, K. (2001). Retrograde Amnesie-zwischen Erinnern und Vergessen: eine Analyse von episodischen und semantischen Gedächtnisleistungen bei Patienten mit organischen, psychogenen und gemischt organisch-psychogenen retrograden Amnesien.
 
Klötzsch, C. (2009). Transiente globale Amnesie: Diagnose und Differenzialdiagnosen. Fortschritte der Neurologie· Psychiatrie, 77(11), 669-677.
 
Schmidt, S. J. (1991). Gedächtnis. Probleme und Perspektiven der interdisziplinären Gedächtnisforschung “. Suhrkamp Wissenschaft, Frankfurt am Main, 14.
 

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